Gewaltfreie Kommunikation

Zwischen Unsichtbarkeit und (Über)Mut

Nicole Markworth

Jugendliche stehen in einer Lebensphase, die von Entwicklung, Identitätssuche und wachsender Selbstständigkeit geprägt ist. Doch viele von ihnen erleben Unsicherheit, Angst vor Fehlern und Zurückhaltung, sich in der Schule sichtbar zu machen oder zu äußern. Gerade das aktive Mitmachen – etwa das Melden im Unterricht – fällt vielen schwer. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und wurden durch die Erfahrungen der Coronapandemie zusätzlich verstärkt. In diesem Artikel beleuchte ich die Hintergründe dieser Unsicherheiten, die Auswirkungen der Pandemiezeit und zeige Wege auf, wie Jugendliche konkret unterstützt werden können.

Warum fällt es Jugendlichen oft schwer, sichtbar zu sein?

Im Jugendalter werden die Meinungen der Gleichaltrigen zunehmend wichtiger. Der soziale Vergleich ist allgegenwärtig: „Wie komme ich bei den anderen an?“, „Was denken sie über mich?“ – solche Fragen begleiten viele Heranwachsende. Die Angst, sich zu blamieren oder als „anders“ wahrgenommen zu werden, hemmt das freie Sprechen und Handeln. Zusätzlich befeuern digitale Medien und soziale Netzwerke das Gefühl, ständig bewertet zu werden. Ein unbedachtes Wort oder ein Fehler kann im Klassenchat schnell die Runde machen.
Besonders in der Schule wird diese Sorge spürbar. Viele Jugendliche haben Angst, sich im Unterricht zu melden, weil sie fürchten, eine falsche Antwort zu geben und ausgelacht zu werden. Negative Erfahrungen – beispielsweise, wenn ein*e Lehrer*in vor der Klasse kritisiert oder Mitschüler*innen spotten – bleiben lange im Gedächtnis. Oft ziehen sich Jugendliche daraufhin zurück und werden „unsichtbar“, um kein Risiko einzugehen.

Die Auswirkungen der Coronazeit auf Jugendliche

Die Coronapandemie hat die ohnehin bestehenden Herausforderungen verstärkt. Studien und Berichte von Psycholog*innen zeigen: Die lange Zeit des Homeschoolings, soziale Isolation und die Unsicherheit über die Zukunft haben bei vielen Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen. Die Schule, sonst ein wichtiger sozialer Lernort, fiel über Monate als Begegnungsraum weg. Im digitalen Unterricht fehlte das direkte Feedback, Mimik oder ein aufmunterndes Lächeln der Lehrkraft. Viele Jugendliche hatten Angst, die Kamera einzuschalten oder zu sprechen, weil sie sich ausgesetzt fühlten.

Die Folge: Bei vielen ist das Selbstvertrauen gesunken. Der Mut, auf andere zuzugehen, eigene Meinungen zu äußern oder Fehler zuzulassen, wurde kleiner. Auch Ängste vor Leistungseinbrüchen, Versagen und sozialer Ablehnung nahmen zu. Die Rückkehr in den Präsenzunterricht war für viele nicht nur eine Erleichterung, sondern auch eine erneute Überforderung – plötzlich waren soziale Kompetenzen wieder gefragt, die lange nicht trainiert wurden.

Andere Jugendliche begegnen ihren Unsicherheiten jedoch nicht mit Rückzug, sondern mit gegensätzlichen Strategien. Übermut, provokantes Verhalten oder sogar Aggression können als Schutzmechanismus dienen, um eigene Ängste oder Minderwertigkeitsgefühle zu überspielen. Nach außen präsentieren sich diese Jugendlichen scheinbar selbstbewusst, doch oft steckt dahinter ein Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Gerade wenn das Gefühl vorherrscht, nicht gesehen oder verstanden zu werden, können solche Verhaltensweisen als „lauter Hilferuf“ verstanden werden. Ebenso kann es vorkommen, dass Jugendliche ihre Unsicherheit oder Anspannung gegen sich selbst richten und sich in selbstverletzendem Verhalten verlieren. Selbstverletzung kann als Ventil dienen, um mit überwältigenden Gefühlen oder innerem Druck umzugehen, wenn andere Bewältigungsstrategien fehlen. In beiden Fällen ist es wichtig, sensibel hinzusehen, Unterstützung anzubieten und professionelle Hilfe einzubeziehen, damit Jugendliche alternative Wege zur Bewältigung ihrer Herausforderungen finden.

Welche Bedürfnisse haben Jugendliche jetzt?

Jugendliche brauchen Sicherheit, Wertschätzung und das Gefühl, in ihrer Einzigartigkeit gesehen zu werden. Besonders nach der Coronazeit wünschen sie sich:

  • Akzeptanz ihrer Gefühle: Angst, Unsicherheit, aber auch Hoffnung und Neugier brauchen einen Platz und sollten ernst genommen werden.
  • Schutzräume, in denen Fehler erlaubt und aus ihnen gelernt werden kann.
  • Rituale und Strukturen, um Halt zu geben und Orientierung zu bieten.
  • Ermutigung, eigene Stärken zu entdecken und zu zeigen.
  • Soziale Bindungen und Gemeinschaft, um Vertrauen aufzubauen und Rückhalt zu spüren.

Wie kann konkret geholfen werden?

Um Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen und ihre Angst vor Fehlern oder Sichtbarkeit zu verringern, sind gezielte Maßnahmen hilfreich:

1. Fehlerfreundliche Lernumgebung schaffen

Lehr- und Betreuungspersonal können durch wertschätzendes Feedback, transparente Kommunikation und das Zulassen von Fehlern eine Atmosphäre schaffen, in der Jugendliche sich trauen, Fragen zu stellen und sich zu melden. Ein offener Umgang mit eigenen Fehlern – auch von erwachsenen Vorbildern – signalisiert: Irren ist menschlich und gehört zum Lernprozess. 
FEHLER = HELFER (die beiden Wörter bestehen sogar aus den gleichen Buchstaben 😊)

2. Soziales Lernen fördern

Gruppenarbeiten, Projekte und Diskussionen bieten Gelegenheit, eigene Meinungen zu äußern und Unterschiedlichkeit zu erleben. Peer-Learning-Formate und Feedbackrunden stärken das Miteinander und helfen, soziale Kompetenzen wiederzugewinnen.

3. Individuelle Stärken entdecken

Jugendlichen gezielt Rückmeldung zu ihren Fähigkeiten und Talenten zu geben, stärkt das Selbstbewusstsein und die Motivation, sich zu zeigen. Kreative Projekte, Sport, Musik oder Engagement außerhalb des Unterrichts bieten weitere Bühnen, um sichtbar zu werden und Anerkennung zu erfahren.


4. Räume für Austausch und Unterstützung schaffen

Anlaufstellen wie Schulsozialarbeit, Beratungsangebote oder vertrauensvolle Gesprächsrunden ermöglichen, Sorgen und Ängste auszusprechen. Hier können auch Strategien im Umgang mit Stress und Versagensangst vermittelt werden.

5. Eltern und Bezugspersonen einbinden

Auch Eltern, Familien und enge Bezugspersonen spielen eine wichtige Rolle. Ein offenes Ohr, Geduld und das Vorleben eines gelassenen Umgangs mit Fehlern prägen die Haltung Jugendlicher. Gemeinsame Zeit und Gespräche ohne Leistungsdruck fördern das Gefühl von Geborgenheit.

Fazit: Mut zur Sichtbarkeit ermöglichen

Die Erfahrungen der Coronazeit haben verdeutlicht, wie wichtig soziale Teilhabe, bestärkende Beziehungen und eine wohlwollende Lernumgebung für Jugendliche sind. Sichtbar zu werden und sich zu zeigen, ist eine Fähigkeit, die geübt werden darf. Erwachsene spielen hier als Vorbilder und Begleiter*innen eine zentrale Rolle. Mit Geduld, Verständnis und gezielter Unterstützung können Jugendliche lernen, dass Fehler keine Bedrohung, sondern ein Schritt zur Entwicklung sind. So wird der Weg frei für mehr Selbstvertrauen, Mut und Sichtbarkeit.